Mantras

Mantras sind heilige und heilsame Klänge, Silben, Wörter oder Sätze, die seit tausenden von Jahren rezitiert oder gesungen werden. Ihre große spirituelle Kraft lässt sich nur schwer mit dem Verstand erfassen, aber wir können sie beim Singen unmittelbar erfahren.

Für das Mantrasingen ist es nicht unbedingt erforderlich, die Wortbedeutung der Mantras zu kennen. Die traditonelle Sprache vieler buddhistischer und hinduistischer Mantras ist Sanskrit, aber um ihre Wirkung zu erfahren, benötigen wir keine Übersetzung, wiewohl sie anfangs hilfreich sein kann.

Mantras wirken subtil, allmählich, zuweilen auch plötzlich, aber unausweichlich – auf Ebenen, mit denen sich unser Verstand, unser rationales, analytisches Denken schwertut, in die es einfach nicht hineinreicht, von denen es ausgeschlossen ist.

Mantras können wir in diesem Sinne nicht „verstehen“, aber wir können sie erfahren – indem wir sie regelmäßig singen oder rezitieren. Wenn wir dies tun, fügen wir uns ein in eine Jahrtausende alte Tradition und werden unsere eigenen, unmittelbaren Erfahrungen mit der Energie und der Wirkung der Mantras machen.

Mantra-Texte

Bei unseren Mantrasingabenden werden u.a. die folgenden Mantras und Texte gesungen:

  • Hari OM

    Hari ist ein Beiname von Vishnu. Hari heißt „der die Herzen aller anzieht“. Hari steht für Liebe und Verständnis.

    Om ist der Urlaut, der Kosmische Klang. Om steht für Einheit.

    Hari Om: Indische Grußformel: „Ich grüße das Göttliche in dir. Ich wende mich mit Liebe an dich.“

    Hörbeispiel:

    (Live vom Gesangsseminar Iseler Mühle Oktober 2012; Komp.: Satyaa und Pari)

  • Om Namah Shivaya

    Dieses Mantra, auch Panchaksharamantra genannt, bedeutet wörtlich etwa „Om, Ehre sei Shiva.“ Wir dürfen Shiva hier in einem grundlegenden Sinn als das Göttliche in uns selbst interpretieren. Mit diesem Mantra verehren wir ebendas: unser göttliches Selbst, das im Herzen eines jeden Wesens wohnt, „kleiner als das Kleinste, größer als das Größte“.

    Swami Muktananda schreibt in „Meditiere – Das Glück liegt in Dir“:

    „Om Namah Shivaya bedeutet: Ich verneige mich vor Gott, der das innere Selbst ist. […] Wiederhole es mit Liebe, und gehe tief nach innen. Wisse, dass du selbst die Gottheit des Mantras bist. Lausche dem Mantra. Wenn jeder Buchstabe in deinem Geist pulsiert, versuche das Mantra zu erfahren.“

    In seinem Buch „The Ancient Power of Sanskrit Mantra and Ceremony“ beschreibt Thomas Ashley-Farrand „Om Namah Shivaya“ wie folgt:

    „Dieses Mantra hat keine direkte Übersetzung. Die Klangsilben entsprechen den Prinzipien, die jedes der ersten fünf Chakras der Wirbelsäule leiten: Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther. Dies bezieht sich allerdings nicht auf die Chakras als solche, denen andere Klänge (seed sounds) zugeordnet sind, sondern eher auf die Prinzipien, die die Chakras an ihren Plätzen steuern. Eine sehr grobe, nicht-wörtliche Übersetzung könnte etwa sein:
    Om – ich grüße das, was ich fähig bin zu werden.
    Dieses Mantra bringt einen auf den subtilen Weg spiritueller Entwicklung. Es ist der Anfang des Pfades des Siddha Yoga oder des Yoga der Vervollkommnung des Göttlichen Gefährts.“

    Hörbeispiele:

    (Live gesungen von HUM-Yoga Asanis der Iseler Mühle 2012; Komp.: Stephan Hilchenbach)

    (Live gesungen beim Mantrasingen in Hannover 2014; Komp.: Gurumayi Chidvilasananda)

    Text einer Version von Krishna Das:

    Om Namah Shivaya
    Shivaya namaha, Shivaya namah om
    Shambhu Shankara namah Shivaya,
    Girija Shankara namah Shivaya
    (Arunachala Shiva namah Shivaya)

  • Om Tare Tutare Ture Soha

    Dies ist das Mantra der Grünen Tara, friedvoller Bodhisattva des aktiven Mitgefühls des tibetischen Buddhismus.

    Tara, wörtlich „die Retterin“, ist im Buddhismus und anderen indischen Religionen eine weibliche, friedvolle Manifestation erleuchteter Weisheit und gilt als die Essenz des Mitgefühls.

    Die grüne Tara verkörpert das aktive Mitgefühl aller Buddhas und sie schützt vor den acht Arten der Angst (Stolz, Verblendung, Zorn, Neid, falsche Ansichten, Geiz, Begierde und Zweifel). Desgleichen vermehrt sie die ursprüngliche Weisheit und wird für ihre wunscherfüllenden Qualitäten gepriesen. Es wird ihr eine besondere Schnelligkeit bei der Erfüllung von Wünschen und dem Schutz vor Gefahren zugeschrieben, was durch ihre zum Aufstehen bereite Sitzhaltung symbolisiert wird.

    Ihr Anliegen besteht darin, die Praktizierenden zur Erleuchtung zu führen. In dieser Weise können wir die acht Ängste, vor denen die grüne Tara schützt, als Symbole für die inneren Hindernisse auf dem Weg verstehen.

    Hörbeispiele:

    (Live vom Gesangsseminar Iseler Mühle Oktober 2012; Komp.: Praful Schroder)

    (Live vom Gesangsseminar Iseler Mühle März 2013; Komp.: Trad.)

  • Gayatri Mantra

    Om bhur bhuvah svah
    Tat savitur vareniyam
    Bhargo devasya dhimahi
    Dhiyo yo nah pracodayat

    Dieses Mantra wird im Hinduismus als die „Mutter der Veden“ bezeichnet. Früher war es nur Gläubigen aus höheren Kasten erlaubt, das Mantra zu rezitieren. Heute beten und singen es weitgehend alle Hindus.

    Übersetzung des Gayatri Mantra:

    „Om, wir meditieren über den Glanz des verehrungswürdigen Göttlichen, den Urgrund der drei Welten, Erde, Luftraum und himmlische Regionen. Möge das Höchste Göttliche uns erleuchten, auf dass wir die höchste Wahrheit erkennen.“

    Hörbeispiel:

    (Live in Hannover 2016; Komp.: Praful Schroder)

  • Om Shreem Mahalakshmiyei Namaha

    „Ich grüße die im Herzen wohnende Große Lakshmi. Mögest du deinen Segen über mich ergießen.“

    Shreem ist der Urlaut für das Prinzip der Fülle, das durch die Göttin Lakshmi personifiziert wird.

    Maha bedeutet „groß“, in Quantität und Qualität.

    Fülle ist Harmonie mit dem göttlichen Gesetz. Lakshmi ist die Göttin des Reichtums und des Wohlstands – sowohl spirituell als auch materiell. Sie mit ihrem Namen anzurufen kann enorme kreative Energie freisetzen.

    Hörbeispiel:

    (Live in Hannover 2016; Komp.: Stephan Hilchenbach)

  • Om Sri Ram Jay Ram Jay Jay Ram

    SRI RAM, ein altes indisches Heilungs- und Friedensmantra, gilt als das Mantra Mahatma Gandhis.

    Shiva teilte es einst seiner Gemahlin Parvati mit und begleitete es mit dem Hinweis: „O Parvati, dieses Taraka Mantra entspricht tausend Namen Lord Vishnus.“

    Sri ist ein Ausdruck der Ehrerbietung.

    Ra symbolisiert das Feuer, das unser Karma verbrennt.

    Ma repräsentiert das Wasser, den Frieden, der alles Verstehen übersteigt. Jay bedeutet Sieg (des Geistes über die Materie).

    Hörbeispiel:

    (Live vom Gesangsseminar Iseler Mühle März 2013; Komp.: Trad.)

  • Om Benza Sato Hung

    Buddhistisches Mantra der Reinigung (Kurzversion des „100-Silben-Mantras“)

    Das vollständige 100-Silben-Mantra lautet:

    OM BENDSA SATO SAMAYA MANUPALAYA BENDSA SATO TENOPA TIKTA DRI DHO MEBHAWA SUTO KAYO MEBHAWA SUPO KAYO MEBHAWA ANURAKTO MEBHAWA SARWA SIDDHI METRAYATSA SARWA KARMA SUTSA ME TSITTAM SCHRIYA KURU HUNG HA HA HA HA HO BHAGAWAN SARWA TATHAGATA BENDSA MA ME MÜNTSA BENDSI BHAWA MAHA SAMAYA SATO AAH

    Dieses Mantra wird in der Vajrasattva-Meditation rezitiert, die dazu dient, den Geist von negativem Karma zu reinigen.

    Musikalische Basis für das Singen dieses Mantras mit Stephan ist die sehr schöne Version von Deva Premal.

    ausführliche Beschreibung der Reinigungs-Praxis von Vajrasattva (PDF) »

  • Sri Krsna Govinda

    Sri Krsna Govinda Hare Murare
    He Natha Narayana Vasudeva

    Oh geliebter Krishna, Oh Govinda, Oh Hari, Hey Murari, Oh Lord Narayana, Oh Vasudeva [alles Namen von Krishna]. Ich verehre dich mit Herz und Seele.

  • Om Mani Padme Hum / Om Mani Peme Hung

    „Om Mani Padme Hum“ ist das älteste Mantra des tibetischen Buddhismus. (Die tibetische Aussprache ist „Om Mani Peme Hung“.)

    „Om“ repräsentiert Körper, Rede und Geist des Buddha.

    „Mani“ bedeutet Diamant und symbolisiert den buddhistischen Pfad der Methode (den man zusammen mit den Pfad der Weisheit entwickeln soll).

    „Padme“ ist der Lotos und symbolisiert den Weisheitsaspekt des Pfades (die Erkenntnis der endgültigen Realität).

    „Hum“ bedeutet Unteilbarkeit und bezieht sich hier auf die Vereinigung von „Mani“ und „Padme“.

    „So bedeuten die sechs Silben om mani padme hum, dass man in Abhängigkeit von der Praxis des Weges, der eine unteilbare Einheit von Methode und Weisheit ist, den eigenen unreinen Körper, unreine Rede und unreines Bewusstsein in den reinen erhöhten Körper, reine Rede und reines Bewusstsein eines Buddha verwandeln kann.“

    (aus einer Rede des Dalai Lama)

    Hörbeispiel:

    (Live gesungen beim Mantrasingen in Hannover 2014; Komp.: Peter Kater)

  • Eo wahi pana la

    Hawaiianisches Kraftlied. T+M: Lei’ohu Ryder

    = Ruf oder auch „ja, ich bin hier“
    wahi: Ort
    pana: gefeiert, berühmt, legendär, sagenumwoben, historisch
    la: Sonne, Tag

    Wir rufen mit diesem Lied die Kraft und die Weisheit von heiligen Plätzen (wahi pana), auch der unsichtbaren, unterstützenden Kräfte, die an diesem Platz präsent sind, in unseren Kreis. Auch die Kraft der Sonne, des Lichtes rufen wir an, jetzt und hier mit uns zu sein.

    Dazu braucht es meine Bewusstheit und Präsenz. Ja, ich bin hier.

    Durch unser gemeinsames, bewusstes Hiersein stärken und „erhellen“ wir den Platz unseres Treffens.

    Hörbeispiel:

    (Live vom Gesangsseminar Iseler Mühle März 2013; Komp.: Lei’ohu Ryder)

(Quellen: Wikipedia; „Meditiere – Das Glück liegt in Dir“ von Swami Muktananda; „Ramayana At A Glance“ von Sadguru Sant Keshavadas; „Chanten“ von Wolfgang Bossinger und Wolfgang Friedrich; www.stimmvolk.ch; www.yesche.de)

„die Silben eines Mantras [verdanken] nichts von ihrer Kraft der Bedeutung auf der Ebene begrifflichen Denkens“

(John Blofeld, „Mantra – Die Macht des heiligen Lautes“, Otto Wilhelm Barth Verlag 1988)

„Wenn man sich zum erstenmal auf mantrisches Yoga einläßt, ist es natürlich, nach der Bedeutung der Silben zu fragen; aber es ist besser, sich nicht allzu sehr darum zu kümmern, da das Nachdenken über die begriffliche Bedeutung unbedingt eine Behinderung des yogischen Prozesses darstellt. Der Gebrauch der Mantras gehört zum Bereich des Nicht-Denkens […] Wenn man sich bei der Bedeutung aufhält, so stellt sie sich der spirituellen Entwicklung in den Weg!“

(ebd.)

„… es ist wichtig, zu betonen, daß die Reflexionen über die Symbolik nicht Teil der kontemplativen Übungen sind. Die mantrischen Silben können ihre volle Wirkung in den tiefsten Schichten des Bewußtseins nicht entfalten, wenn der Geist mit begrifflichen Vorstellungen vollgestopft ist. Reflektierendes Denken muß transzendiert, losgelöst werden.“

(ebd.)