Meditation

Was ist eigentlich Meditation?

Der Begriff „Meditation“ wird oft sowohl synonym für den Meditationszustand als auch als Sammelbegriff für diverse Meditationstechniken benutzt.

Sehr formal ausgedrückt:

Meditation ist eine spirituelle Praxis, bei der durch die Anwendung von Meditationstechniken das Erreichen eines höheren Bewusstseinszustandes angestrebt wird.

Vielleicht sollten wir uns aber nicht gleich ganz so weit vor wagen und erst einmal das Terrain erkunden, auf das wir uns da begeben.

Bewusstseinszustände

Wir alle kennen mindestens zwei Zustände unseres Bewusstseins.

Unser normales Wachbewusstsein ist das, mit dem wir uns meist identifizieren und mit dessen Hilfe wir üblicherweise wahrnehmen, denken und handeln.

Was passiert aber eigentlich, wenn wir schlafen? Wo ist unser Wachbewusstsein dann? Und wenn wir erwachen: Woher kehrt es zurück? Und wie ist es möglich, dass wir scheinbar nahtlos an unseren Zustand vor dem zeitweisen Verschwinden unseres Wachbewusstseins anknüpfen können? Es scheint uns so selbstverständlich, weil wir das jeden Tag erleben. Aber es ist schon irgendwie erstaunlich, oder?

Ebenso erstaunlich ist, dass wir träumen. Schauen wir uns das mal etwas näher an. Erstmal fällt auf, dass wir nur träumen, wenn unser Wachbewusstsein abwesend ist. Aber wir erleben ja etwas, wenn wir träumen. Wir nehmen Dinge, Personen und Ereignisse wahr, wir empfinden, wir denken, wir handeln im Traum. Doch zweifellos geschieht all dies in einem anderen, deutlich vom Wachbewusstsein verschiedenen Bewusstseinszustand. Wir nennen ihn das Traumbewusstsein.

Während wir träumen, wissen wir normalerweise nicht, dass wir träumen. Unser Traumbewusstsein verhält sich, als gäbe es nichts anderes. Die Traumwelt ist die Welt. Vom Wachbewusstsein weiß das Traumbewusstsein nichts. Wer träumt?

Jedoch, wenn wir erwachen, dann erinnern wir uns an unsere Träume. Mehr oder weniger gut, aber unser Wachbewusstsein hat eindeutig Kenntnis vom Traumzustand und dem darin Erlebten und Erfahrenen. Wir wissen, dass wir geträumt haben und wir können uns auch erinnern, was wir geträumt haben. Woher? Und warum klappt das anscheinend nur in eine Richtung? Schauen wir auch hier noch genauer hin und fragen uns: Wer erinnert sich hier eigentlich – und an was?

Nehmen wir einmal an, auch unser Wachbewusstsein sei im Grunde nichts anderes als ein weiteres Traumbewusstsein, jedoch mit erweiterten Möglichkeiten der Wahrnehmung und Interaktion. Es verhält sich aber ebenfalls, als gäbe es nichts anderes. Die Wachwelt ist die Welt. Wer ist wach?

Manchmal, wenn wir träumen, dann wissen wir jedoch, dass wir träumen. Wir können uns in seltenen Fällen sogar entschließen, aus dem Traum, den wir gerade träumen – aus unserem Traumzustand – zu erwachen. Wohin erwachen wir? In unser Wachbewusstsein.

Wenn unser Wachbewusstsein aber auch „nur“ eine erweiterte Art Traumbewusstsein ist, können wir vielleicht auch daraus erwachen? Und wohin erwachen wir dann?

Menschen aller Zeiten und Kulturen haben sich diese Fragen gestellt und sich auf die „Reise nach innen“ begeben, um ihren Geist zu erforschen. Die Antworten, die sie gefunden haben, lauten:

Ja, wir können noch weiter erwachen – in den Meditationszustand.

Der Meditationszustand

Meditierender BuddhaDer Meditationszustand ist ein komplexes Phänomen, das in den verschiedenen Religionen und spirituellen Traditionen unterschiedliche Namen erhalten hat. Die Hindus nennen ihn beispielsweise den Samadhi-Zustand.

Ein Bewusstseinszustand jenseits des Wach- und Traumzustandes ist schwer zu beschreiben, weil wir, um ihn zu beschreiben, nicht gleichzeitig in diesem Zustand verweilen können und weil die Mittel, die uns in anderen Zuständen für Beschreibungen zur Verfügung stehen, schlicht unzureichend sind.

Nichtsdestotrotz kündet die spirituelle Weltliteratur von mannigfaltigen Versuchen, der Erfahrung dieses Zustandes Ausdruck zu verleihen.

Eine Ahnung von dem, wie es wohl sein könnte, vermitteln uns gewisse Richtungen in der Kunst, und besonders Musik:

„Music was given the highest place, because the sense of Samadhi is not easy for all to attain. So our ancients found that, to even believe that it’s possible, art experience was the key to it.“

(„Musik wird höchste Bedeutung beigemessen, weil der Samadhi-Zustand nicht einfach für alle erreichbar ist. So fanden unsere Vorfahren, dass, um ihn überhaupt für möglich zu halten, Kunsterlebnis der Schlüssel ist.“)

(Lalitha Ubhaykar, specialist of Hindustani Classical Music)

Erwachen wir aus dem Traumzustand, lassen wir diesen vollständig hinter uns und gelangen in eine Erfahrungswelt, die nur noch entfernt Ähnlichkeit mit der Traumwelt hat, die für uns eben noch die Welt war. Ähnlich ist es mit dem Übergang vom Wachbewusstsein in den Meditationszustand.

Mit anderen Worten: Für den meditierenden Geist, der in den Samadhi-Zustand eintritt, hört die bekannte Welt auf zu existieren; er lässt sie hinter sich und tritt in einen anderen Kontext der Wahrnehmung und Interaktion ein.

Meditationstechniken

MeditationsplatzEs ist nicht leicht, willentlich aus einem Traum zu erwachen. Noch viel schwieriger ist es, aus dem Wachzustand noch weiter zu erwachen.

Jahrtausende lang haben Suchende und Weise den Geist erforscht, Ihre Erfahrungen zusammengetragen und verschiedene Meditationstechniken entwickelt, deren man sich bedienen kann.

Das Wunderbare daran ist: Wir müssen nicht einfach etwas glauben, das andere uns erzählen, um es für wahr zu halten. Wir können es selbst überprüfen, indem wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten und uns auf eine Forschungsreise in unseren eigenen Geist begeben.

„Know thyself“ – erkenne dich selbst.

Ja, dies scheint überhaupt die einzige Möglichkeit zu sein. Wollen wir mehr erfahren, müssen wir uns selbst auf den Weg „nach innen“ machen. Nur davon zu lesen oder darüber zu sprechen reicht nicht aus. Wenn du hungrig bist, wirst du satt, indem du die Speisekarte studierst?

Auch das Mantrasingen kann als eine Form von Meditation angesehen werden. Das völlige Sich-Versenken in den Klang und in das Mantra bringt ebenso wie andere Meditationsübungen den immer rastlosen Verstand zur Ruhe und öffnet uns für andere Wahrnehmungen und Erfahrungen.

„Music is the technology of self-transformation.“

(Subhash Kak, Vedic Scholar/Poet/Author)

Doch sei ein Wort der Warnung angebracht:

Ernsthaft betriebene Meditation ist keine Wellness-Übung.

„Die Gnade der Erleuchtung mag den Menschen im Westen verlockend erscheinen, aber mit der damit unweigerlich verbundenen Verbrennung der Ich-Verhaftungen können sich die wenigsten auf Anhieb anfreunden. Das Bewußtsein erfährt eine gewaltige Revolte, wenn es entdecken muss, daß viele der Neigungen und Bezüge, die das bisherige Leben geprägt haben, plötzlich irrelevant geworden sind. Leicht erliegt man der Verlockung, die dramatischen Veränderungen zu verdrängen, die notwendig mit einem spirituellen Lebenswandel einhergehen, und man hofft vielleicht darauf, die «Erleuchtung» im Rahmen irgendeiner überschaubaren, angenehmen, pauschalreiseartigen Meditationssitzung zu erlangen. Tatsache ist aber, dass mystische Erfahrungen einen zwingen, im menschlichen Erleben einen neuen Sinn zu suchen, und man wird zu einem Lebenswandel angehalten, in dem die Befriedigung der Ich-Gelüste keine Rolle mehr spielt. Es ist, als habe man sich unsterblich in eine äußerst faszinierende, aber auch fordernde Göttin verliebt, die einen voll und ganz in Anspruch nimmt, so daß man überhaupt keine Gelegenheit hat, anderen Verlockungen nachzugeben.“

(Bonnie Greenwell: „Kundalini“. Gustav-Lübbe-Verlag, 1998, S. 36)

„Wer das Glück hat, unter einem wirklich kompetenten Meister die Meditation zu üben, wird bald erfahren, daß Meditation nicht durch Bücher erlernt werden kann. Es ist – und das sei hier mit Nachdruck versichert – niemals möglich, Meditationsanweisungen verallgemeinernd an Menschen zu geben, mit denen man nicht in persönlichem Kontakt steht und über deren geistige Verfassung und seelische Einstellung man nichts weiß. Denn, da es auf jeder Stufe der geistigen Schulung möglich ist, daß der Schüler ungewöhnliche Erfahrungen macht und mit gewaltigen psychisch-physischen Kräften konfrontiert wird, kann er in sehr bedenkliche Verwirrungszustände geraten, die nur von einem erfahrenen Meister rechtzeitig erkannt und abgefangen werden können, was aber nur in direktem Kontakt möglich ist. Meditative Schulung sollte daher nur in der engen Lehrer-Schüler-Beziehung erfolgen.“

(Wolfgang Kopp: „Befreit euch von allem“. Ansata-Verlag, 1994, S. 103 f.)

Da stellt sich natürlich die Frage: Wie finde ich einen wirklich kompetenten Meister?

Die Antwort mag etwas kryptisch klingen, hat aber eine lange Tradition und bringt einen universellen Zusammenhang zum Ausdruck:

„Ist der Schüler bereit, stellt sich der Lehrer ein.“

Früchte der Meditation

Auch wenn wir nicht gleich in diesem Leben zur Erleuchtung gelangen und den Samadhi-Zustand erfahren sollten, so kann uns regelmäßige Meditationspraxis doch in vielerlei Hinsicht von Nutzen sein.

„According to many philosophers, there is only one method of inner creativity – meditation (which is learning to pay attention, to be detached, and to be a witness to the ongoing melodrama of thought patterns). To break away from the ego-level of existence, you may need to identify with some precision what is going on in your everyday life, to recognize, perhaps painfully, how your habit-attachments run you. Or to open to love, you may focus attention on your relationships in the world. Or you may want to contemplate reality. All of these techniques require basic practice in being attentive and in being detached. Meditation teaches us that.“

(„Viele Philosophen sind der Ansicht, dass es nur eine Methode innerer Kreativität gibt: Meditation (was bedeutet, zu lernen, achtsam zu sein, loszulassen und Zeuge des fortdauernden Melodramas von Gedankenmustern zu sein). Um von der Ego-Ebene der Existenz wegzukommen, ist es erforderlich, einigermaßen präzise das, was in deinem Alltagsleben geschieht, herauszufinden; zu erkennen, möglicherweise schmerzhaft, wie deine Gewohnheits-Bindungen dich bestimmen. Oder um dich der Liebe zu öffnen, magst du deine Aufmerksamkeit auf deine Beziehungen in der Welt richten. Oder vielleicht möchtest du über Realität nachsinnen. All diese Methoden erfordern grundlegende Praxis in Achtsamkeit und Losgelöstheit. Meditation lehrt uns dies.“)

(Amit Goswami: „The Self-Aware Universe“, Kindle edition, Loc. 4336-40)

Eine grundlegende Erfahrung, die Meditierende relativ früh machen können, ergibt sich aus dem inneren distanzierten Betrachten des Gedankenstroms und der Frage, wer da eigentlich was betrachtet.

Wenn ich der Strom meiner Gedanken bin, wie könnte ich ihn dann betrachten? Wenn ich aber nicht der Strom meiner Gedanken bin, wer bin ich dann?

Auf diese Weise können wir einen gewissen Grad an Losgelöstheit entwickeln und kultivieren, der unsere Abhängigkeit von eingefahrenen Denk- und Verhaltensmustern verringert. Indem uns diese Losgelöstheit eine Distanz zu uns selbst verschafft, vergrößert sie unseren Spielraum für kreative – und das bedeutet: neuartige und andersartige – Erkenntnisse, Entscheidungen und Handlungen, weil wir nicht an das Gewohnte gebunden bleiben. Unser freier Wille entfaltet sich.

„Die Meditation stellt einen großen Reinigungsprozess dar, der […] alle Unreinheiten und Blockierungen des Geistes beseitigt. Die Meditation befreit uns von Krankheiten und gibt uns größere Geschicklichkeit in allem, was wir tun. Durch die Meditation weitet sich unser inneres Bewusstsein aus, und unser Verständnis für innere und äußere Dinge wird immer tiefer. Durch die Meditation reisen wir zu verschiedenen inneren Welten und machen unzählige innere Erfahrungen. Darüber hinaus beruhigt die Meditation den Geist – der ständig umherwandert, der die Ursache für beständiges Leid ist – und verankert uns für alle Zeit im Zustand höchsten Friedens, der unabhängig ist von allen äußeren Faktoren. Letztlich werden wir uns durch die Meditation unserer eigenen, wahren Natur bewusst. Diese Bewusstheit ist es, die alles Leid und all unsere Täuschungen beseitigt. Diese Bewusstheit erlangen wir nur dann, wenn wir unser eigenes inneres Selbst von Angesicht zu Angesicht erblicken.“

(Swami Muktananda: „Meditiere – Das Glück liegt in dir“. Siddha Yoga Verlag, 2001, S. 6)

Dies ist allerdings wie viele inneren Veränderungsprozesse etwas, das sich subtil und allmählich entwickelt, und auch nur dann, wenn wir regelmäßig und mit ausdauernder Hingabe — üben.

Will ich stärkere Armmuskeln, muss ich jeden Tag Klimmzüge machen. Mit dem Geist verhält es sich nicht anders.

Zu meditieren, das heißt den Geist zu erforschen und zu zähmen, ist nichts geringeres als eine lebenslange Aufgabe.

Buddha sagt:

„Diese Welt geht vorüber, und alles, was wichtig ist, fliegt vorbei. Jeder von uns muss aus seinem Traum erwachen, es ist keine Zeit zu verlieren. Darum bemüht euch ohne Unterlass!“

Möge es Dir gelingen.

Hari Om Tat Sat.

„These teachings are only a finger pointing to the Noble wisdom… They are intended for the consideration and guidance of the discriminating minds of all people, but they are not the Truth itself, which can only be self-realized within one’s own deepest consciousness.“

(„Diese Lehren sind nur der Finger, der auf die Erhabene Weisheit zeigt… Sie sind zur Betrachtung und Orientierung des unterscheidenden Verstands der Menschen gedacht, aber sie sind nicht die Wahrheit selbst, welche nur selbst im eigenen tiefsten Bewusstsein erkannt werden kann.“)

(aus: Lankavatara Sutra
in: Amit Goswami: „The Self-Aware Universe“,
Kindle edition, Loc. 1075-77)