Stephan

Ein Gespräch mit Stephan

Hannover, im November 2012

Gesprächspartner (G): Hallo Stephan!

Stephan (S): Namasté!

G: Wie kommt jemand wie du zum Mantrasingen?

S: (lächelt) Jemand wie ich?

G: Na ja, du machst ja als Softwareentwickler und IT-Berater beruflich etwas, das ich eher in der entgegengesetzten Ecke des Lebensspektrums verorten würde.

S: Ach so. Dieser Widerspruch ist nur scheinbar. Ich dachte schon, du meinst mein Aussehen. (lacht)

G: Um ehrlich zu sein, das ist auch etwas…

S: Gewöhnungsbedürftig. Stimmt. Eine seltene Erkrankung des Immunsystems, die unter anderem zur Verdickung der Haut führt. Das schränkt auch meine Mimik etwas ein. Aber Singen und Harmoniumspielen gehen wieder gut.

G: „Wieder“?

S: Na ja, es ist Teil meines Heilungsweges. So bin ich übrigens auch zum Mantrasingen gekommen. Um deine Eingangsfrage zu beantworten.

G: Erzähl.

S: Ich war zur Therapie in einem Gesundheitszentrum, das gleichzeitig ein Ashram ist. Wir haben dort auch sehr intensiv meditiert und viel gesungen.

G: Wann war das?

S: Äh… 2009, glaub ich. Ja.

G: Und dort…?

S: …ist es dann passiert. (lacht)

G: Was genau ist passiert?

S: Nun, wir haben dort verschiedene Mantras gesungen, manchmal stundenlang. Bei einem Mantra kam plötzlich ein Ton, ein Klang, eine Harmonie „angeflogen“, die mich buchstäblich umwarf. Ich fühlte etwas sehr Intensives und unglaublich Schönes sich in mir ausbreiten. Als öffnete sich ein riesiges Tor „nach Hause“. Ich fing an, hemmungslos zu weinen. Das wollte gar nicht wieder aufhören. Ich lag noch da, klitschnass von Schweiß und zitterte und schluchzte, als das Mantra längst verklungen war. Puh. Ich war völlig fertig. Und das war erst der Anfang.

G: Oh. Was war das denn für ein Mantra?

S: Om Namah Shivaya“.

G: Und dann?

S: Die nächsten Tage waren eher unangenehm. Ich verlor jeden Appetit. Mein Kreislauf geriet aus den Fugen. Ich konnte nicht schlafen, hatte Schweißausbrüche und Herzrasen.

G: Das klingt jetzt aber nicht wie etwas, das man erleben möchte, wenn man Mantras singt.

S: Nee, ne? (lacht) Ich kann dich aber beruhigen: Es ist nicht jedes Mal so. (zwinkert) Und es hört auch wieder auf. Ich glaube, da kam eine Menge zusammen und das Mantrasingen hat in mir etwas ausgelöst, das ohnehin nur darauf wartete. Und bereit war.

G: Was denn?

S: Hm, das ist sehr individuell und führt jetzt vielleicht etwas weit. Die Symptome ähnelten jedenfalls denen, die Andere im Zusammenhang mit dem Erwachen ihrer Kundalini-Energie beschreiben.

G: Du drückst das sehr vorsichtig aus.

S: Weil es schwierig ist, über solche Erlebnisse zu sprechen. Worte bleiben notgedrungen abstrakt. Das gilt auch für das Mantrasingen. Es lässt sich nicht angemessen beschreiben. Man muss es tun und erleben, eigene direkte Erfahrungen machen.

G: Das war also eine ziemlich intensive Erfahrung für dich. Wie ging es dann weiter?

S: Ich kaufte mir ein indisches Harmonium und fing an, jeden Tag Mantras zu singen.

G: Moment mal, musstest du das Harmoniumspielen nicht erst lernen?

S: Natürlich. Und ich lerne noch. Das hört ja nie auf. Aber es fällt mir leicht. Ich meine, ich kann gar nichts dafür. Drück mir ein Instrument in die Hand, und ich spiele es. Na ja, ich erzeuge Töne. (lacht) Offenbar ist das eine Fähigkeit, die mir mitgegeben ist. Es ist wie eine Entdeckungsreise, ein Spiel. Ich bin neugierig, wohin ich gelangen kann, wenn ich ein Instrument spielen lerne. Es führt mich einfach.

G: Klingt toll.

S: Na ja. (winkt ab) Leider ist es so, dass ich bislang nie diszipliniert genug war, um ein Instrument wirklich „richtig“ spielen zu lernen. Es blieb alles zu lustabhängig, zu unverbindlich. Ich kann z.B. keine Noten lesen, jedenfalls nicht so, dass ich vom Blatt spielen könnte. Aber es braucht wirklich Handwerk, den Körper muss man einfach trainieren. Den Geist übrigens auch. Das Lustprinzip allein motiviert nicht weit genug und nicht ausdauernd genug.

G: Was motiviert dich denn jetzt?

S: Offenbar ist das spirituelle Singen der Kontext, in dem meine musikalischen Anlagen endlich ihren sinnvollen Einsatz erleben dürfen. Ich fühle etwas wie „so ist es gemeint“, „dafür ist es da“ und alles rückt an seinen Platz. Musikalische und spirituelle Entwicklung bilden eine Einheit. Für indische Musiker übrigens eine Selbstverständlichkeit.
Ein weiterer Aspekt ist: Ich erhalte auf meinem Heilungsweg so viel „von der Welt geschenkt“, dass ich unendlich dankbar bin und einfach etwas Schönes und Heilsames auch in die Welt zurückgeben möchte.

G: Indem du singst.

S: Indem ich vor allem mit Anderen singe und das, was ich erlebe, teile. Ich singe fast jeden Tag. Es ist fester Bestandteil meiner Meditationspraxis. Aber mit Anderen in der Gruppe zu singen hat nochmal eine ganz andere Qualität und Energie. Wir können direkt fühlen, dass wir miteinander verbunden sind. Das ist eine tiefgreifende Erfahrung. Man kann es sogar messen. Puls, Atem und sogar die Gehirnwellen synchronisieren sich. Lachen kann spontan entstehen, Tränen können fließen. Wir können tief berührt werden von etwas, für das wir keine Worte haben, und werden vom Mantra, vom Klang und von der Gruppe getragen und gestützt.

G: Und das sagt ein IT-Berater.

S: Genau. (lacht) Darum geht es ja gerade. Ich benutze in meinem Beruf hauptsächlich meinen analytischen Verstand, meine Ratio. Entsprechend einseitig ist er entwickelt! Wir sind aber nicht nur unser Verstand, unser Geist, unser Denken. Sie präsentieren uns nur einen kleinen Ausschnitt der Welt, den aber stark vergrößert. Das verzerrt unsere Wahrnehmung der Realität.
Für mich ist das Mich-Versenken in das Mantrasingen eine gute Möglichkeit, tiefer zu gehen, andere Erfahrungen zu machen. Die meine Weltsicht verändern und mich vervollständigen.

G: Inwiefern?

S: Das Singen und das Meditieren bringen meinen Geist zur Ruhe.
Erst wenn das geschieht, öffnen sich noch andere Türen. Mantras transportieren Energie, oder vielleicht besser: Bedeutung, Sinn. Probier’s aus und schau, was es für dich bedeutet, wo es bei dir andockt und wie sich dein Leben verändert. Denn das wird es, wenn du es tust. Aber es muss getan werden. Wir können hier noch stundenlang reden, aber das ist eigentlich nur Geräusch in der Luft.
Lass uns lieber was singen.

G: Das wäre dann mehr als nur Geräusch in der Luft?

S: (lacht) Für mich ja. Vielleicht für dich auch, wer weiß? Willst du es herausfinden?

G: Warum nicht.

S: Ich fange einfach an, du hörst dich rein und wenn du soweit bist, stimmst du einfach mit ein.

G: OK.

S: Auf geht’s.

Stephan HilchenbachStephan Hilchenbach

Jahrgang 1964

Web-Entwickler

Meditationsschüler, Qigong-Praktizierender

wohnt bei Hannover

singt Mantras seit 2009